von Andrea Rapp (TU Darmstadt)

Im April 2021 startet das Citizen-Science-Projekt „Gruß & Kuss – Briefe digital. Bürger*innen erhalten Liebesbriefe“, in dem Zeugnisse der privaten Alltagskultur erforscht werden. Das habe ich zum Anlass genommen, das Vorgehen bei der Erschließung der Briefe und einige Bearbeitungsmöglichkeiten am Beispiel meiner eigenen Familiengeschichte zu schildern.

Zur Erschließung von family memories: wissenschaftliche und persönliche Neugier

Als eine Kollegin mich 2014 mit Eva Wyss bekannt machte, weil sie interessante wissenschaftliche Kooperationsmöglichkeiten für uns beide sah, traf sie genau ins Schwarze.

Eva Wyss hatte bereits seit 1998 das weltweit einzigartige Liebesbriefarchiv mit Briefen von Bürger*innen aufgebaut, das gesichert und erforscht werden sollte. Obwohl mein fachlicher Schwerpunkt in der Mediävistik liegt, eröffnet die Computerphilologie Möglichkeiten viel weiterer Kooperationen: Die Erschließung von Originaldokumenten durch Digitalisierung gehört genauso zu meinen Arbeitsgebieten wie auch die Erforschung von Schreibsprachgeschichte, Sprachvariation und Varietäten.

Mit einer wissenschaftlichen Sozialisation in der Urkundensprachenforschung hatte ich mich lange mit einer Textsorte beschäftigt, aus der sich das Formular des Privatbriefs entwickelte. Zur wissenschaftlichen Neugier gesellte sich jedoch noch eine persönliche Komponente, die mir erst im Laufe der Beschäftigung mit dem Liebesbriefarchiv (wieder) bewusst wurde.

Family memories und die Rolle des Liebesbriefs

Briefe, genauer Liebesbriefe, spielen in meiner Familiengeschichte eine wichtige Rolle, denn meine Eltern lernten sich als Brieffreunde kennen und lieben. Diese Briefe, von meiner Mutter lange gehütet, hatte sie schließlich aus Schmerz über den Verlust ihres Mannes vernichtet, sodass ich diese Briefe leider nicht dem Liebesbriefarchiv übergeben kann und diese Geschichte „Familiengeschichte“ und Oral History bleibt. Mein Großvater väterlicherseits schrieb Briefe auf Birkenrinde aus der Gefangenschaft nach Hause, auch hier ist mehr als diese Familienerzählung nicht übrig geblieben. Auch den Briefen, die sich meine Großeltern mütterlicherseits als Feldpost schickten, ging es nicht besser, insgesamt nur zwei vergilbte Postkarten sind geblieben.

Clara und Theo Paulus, Mai 1962 (Foto privat)

Eine erreichte meinen Großvater im Sanatorium in Bad Bertrich, eine Feldpostkarte schrieb er 1945 an seine Familie, die Teile des Krieges in schlesischer Evakuierung verbracht hatte. Mit diesen wenigen Zeilen tritt er für mich in einer neuen Rolle hervor, in der ich meine Großeltern als Enkelin nicht kannte: Als junger, liebevoller Familienvater, der Frau und Kind vermisst, als junge Mutter allein in den Kriegs- und Nachkriegsumständen.

Die folgende Transkription und spätere digitale Aufbereitung ist für mich daher auch ein Weg, Splitter aus der Familiengeschichte zu bewahren und fortzuschreiben.

Zwei vergilbte Postkarten: Abbildung und diplomatische Transkription

Eine der beiden Postkarten soll hier exemplarisch transkribiert, beschrieben und ausgewertet werden.

Es folgt die Abbildung der Postkarte mit Vorder- und Rückseite sowie im Anschluss die Transkriptionen dazu. Dabei trenne ich die Adressfelder vom Text der Postkarte, um den Lesefluss wiederzugeben.

Vorderseite rechts
Feldpostkarte[1]
10[2]
Runder Poststempel: Dresden A 28. 12.4.45-13

Frau
Kläre Paulus
Flöha i./ Sachsen[3]
Bismarkstraſse 4[4]
c/o Fr. Pönack[5]

Vorderseite links
Absender:[6] Fa. Paulus
Fel[d]postn 66046 G[7]

Rückseite
12.4.45[8]
Mein liebes süſses Frauchen u. Susilein!
Die besten und herzlichsten Grüſse von
der Bahnfahrt in deiner Nähe sendet
Dir mein Liebling neben vielen süſsen
Küssen Dein Liebster Vati. Habe seit
dem 3.3. keine Nachricht mehr. Wie
geht es euch denn noch ich hoffe gut
was ich auch von mir schreiben
kann. Diese Zeilen schreibe ich währen[d][9]
der Fahrt. Zu dem Übungsplatz wo
ich von letzten urlaub aus Glogau bin[10]

Vorderseite links, Fortsetzung des Textes
Deinem Liebling
Viele süſse heiſse
Küsse für Mutti
und Susilein.
Auf ein baldiges
Wiedersehn aber
wann. Mutters[11] neue
Adresse heiſst Fa. Paulus
Remlingen ü. Wolfenbüttel
Thüringen b./ Plumbohn
Nr. 28[12]

Kurze Interpretation und Einordnung der Postkarten

Es handelt sich um eine schmucklose Karte auf einfacher Pappe, beschrieben mit einer Art Bleistift. Trotz des kleinen Formats und dem wenigen Platz wird das Datum formell am oberen linken Rand geschrieben und die Anrede mit etwas Abstand daruntergesetzt, um Wertschätzung auszudrücken. Die Schrift ist sorgfältig und gleichmäßig zu Beginn, wird aber im Laufe des Schreibens etwas unruhiger, insbesondere auf der Vorderseite. Frau und achtjährige Tochter werden zärtlich und mit Kosenamen angeredet.

Die äußere Form wird recht formell und sorgfältig eingehalten, um dem besonderen Ereignis eines kurzen Kartengrußes gerecht zu werden, während die Sprache zwischen formellen Elementen (Die besten und herzlichsten Grüſse von der Bahnfahrt), privat-intimer Anrede (süſses Frauchen, süſsen Küssen, aber wann), dem Aufrechterhalten der wechselseitigen Kommunikation (Habe seit dem 3.3. keine Nachricht mehr. Wie geht es euch denn noch ich hoffe gut was ich auch von mir schreiben kann.) und Alltagsbericht und Information (Diese Zeilen schreibe ich während[d] der Fahrt. Zu dem Übungsplatz) wechselt – all das auf kleinstem Raum einer Postkarte. Auffällig ist das kosende Ansprechen mit Mutti und Vati, die Verwendung der Diminutive (Frauchen, Susilein), die Verwendung der Adjektive heiß und süß, um Emotion auszudrücken, und nicht zuletzt Elemente konzeptioneller Mündlichkeit und fehlende Satzzeichen (Auf ein baldiges Wiedersehn aber wann.).

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